Erst bekämpfen sich die Kandidaten in der TV-Debatte, dann folgt der Schlagabtausch im "Spin Room" - so will es das Ritual der US-Vorwahlen. Dort lassen sich die Bewerber von prominenten Fürsprechern hochjubeln. Ein Blick hinter die Kulissen der bizarren Lobbyisten-Show.
Es ist J. C. Watts bis heute anzusehen, dass er mal ein Football-Star war. Der Schwarze, dessen Initialen für Julius Caesar stehen, spielte als Quarterback für die "Oklahoma Sooners", danach wechselte er als Profi in die kanadische Liga. Von 1995 bis 2003 saß er im US-Repräsentantenhaus. Anschließend wurde er, wie so viele Politiker, als Lobbyist reich.
An diesem Abend aber gibt sich der durchtrainierte 54-Jährige damit zufrieden, ein Sprachrohr zu sein. Er könnte sich Besseres vorstellen, aber er hat es einem alten Freund versprochen. "Mal ehrlich", lacht Watts, "als ich vorhin die Treppe hochkam, dachte ich mir, ich würde lieber zu Hause Fernsehen gucken."
Statt dessen ist Watts im Fernsehen. Besagter Freund ist nämlich Newt Gingrich, der einstige Sprecher des Repräsentantenhauses, damals Watts' Fraktionschef. Watts war Offizier in der "Gingrich-Revolution". Jetzt revanchiert er sich.
Gingrich hat gerade in der Halle nebenan die jüngste TV-Debatte der jetzt nur noch vier republikanischen Präsidentschaftsaspiranten hinter sich gebracht. Es war die heißeste Debatte, an die sich selbst Veteranen erinnern können, die Fetzen flogen. Wen wundert's: Am Samstag finden hier in South Carolina die nächsten, entscheidenden Vorwahlen statt, und plötzlich scheinen alle Karten neu gemischt.
Watts saß ganz vorne im Publikum. Nun steht er, mit Dutzenden anderen prominenten Fürsprechern und umringt von viermal so vielen Reportern und Kamerateams, in einem fensterlosen Mehrzweckraum im Coliseum, einer Sportarena bei Charleston, und jubelt seinen Kandidaten artig hoch. "Heute Abend war das Tüpfelchen auf dem i", sagt er. "Er hatte einen sehr starken Auftritt." Gingrich müsse seinen Elan mitnehmen und alles "unter Dach und Fach bringen". Der Sieger? Gingrich natürlich!
Eine alte Tradition in US-Wahlkämpfen
Ach was, meint jemand drei Meter weiter, der Sieger? Mitt Romney, ganz klar! "Romney ist Spitzenreiter, er hat Elan", beharrt Tim Pawlenty, ebenfalls einer der sogenannten Campaign Surrogates, wie die prominenten Fürsprecher der Kandidaten hier auch genannt werden. Der Ex-Gouverneur von Minnesota, selbst mal Kandidat hier, schied im August als Erster aus. Jetzt verwendet er sich also für den einstigen Rivalen: "Er wird ein toller Kandidat. Er wird ein toller Präsident."
Alles Ansichtssache, wie sich zeigt. Auf die Sieger-Frage hat ein dritter Befragter eine dritte Antwort parat: Ron Paul! "Nur er kann Barack Obama schlagen", sagt der Historiker Doug Wead etwas weiter, seinereits bedrängt von einem Pulk Kameras. Wead war einst ein Berater von Präsident George Bush Sr., nun hat er sich dem ultraliberalen Abgeordneten Ron Paul verpflichtet. Er zitiert Umfragen, die Paul die besten Chancen gegen Obama geben. "Na gut, bis auf Romney", gibt er dann zu. "Aber das liegt in der statistischen Toleranz."
Und Nummer vier: Wer hat gewonnen? Rick Santorum! "Wir haben Elan. Wir werden noch eine Weile im Rennen bleiben." Der Sprecher, ebenfalls umringt, ist allerdings keiner der Campaign Surrogates, sondern Rick Santorum höchstpersönlich, noch in vollem Debatten-Make-up. Santorum ist lieber sein eigenes Sprachrohr.
Ein Raum voller Sieger, ein Raum voller heißer Luft. Der Raum heißt "Spin Room". Das ist eine alte Tradition in US-Wahlkämpfen. Ein Ritual, das alle Akteure mitspielen, ohne überhaupt noch über die Absurdität dieser Institution nachzudenken.
Im "Spin Room" mit den Kandidaten-Flüsterern
Ein "Spin Room" ist meist ein Saal neben der Debattenhalle, in diesem Fall ein stickiger Betonbunker im zweiten Stock des Coliseums, dürftig dekoriert mit Plakaten der Debatte und ihres Ausrichters, des US-Networks CNN. Ist eine Debatte zu Ende, treffen sich die Journalisten, in diesem Fall rund 350 an der Zahl, mit den Kandidaten-Flüsterern, um ihre drögen Storys mit Insider-Zitaten zu spicken. Es geht um die Interpretation der Veranstaltung, den "Spin" der Geschichte, den speziellen Dreh.
An diesem Donnerstagabend haben sie vier Podeste aufgebaut, auf denen Helfer mit langen Schildern postiert sind: "Romney", "Gingrich", "Santorum", "Paul". Für die einzelnen Fürsprecher gibt es dann noch Extraschilder, die sie identifizieren. Schließlich kann man ja nicht jeden am Gesicht erkennen.
Bob Livingston zum Beispiel: Wer erinnert sich noch an den einstigen Kongressabgeordneten aus Louisiana? Livingston sollte mal Gingrichs Nachfolger als Sprecher der Hauses werden, als der, im Kielwasser des Lewinsky-Skandals um Bill Clinton, wegen eigener Ethikverstöße abdanken musste. Livingston winkte dann aber selbst ab - wegen einer außerehelichen Affäre.
Es ist also höchst ironisch, dass Livingston jetzt im "Spin Room" ausgerechnet Gingrich verteidigt, der vorhin bei der Debatte wegen - Tusch - einer außerehelichen Affäre unter Beschuss kam, die sich genau damals abspielte. "Er ist der charismatischste Politiker in Amerika", sagt Livingston. Pause. "Und er hat viele Probleme." Pause. "Man kann sehr produktiv sein und Probleme haben." Da spricht die Erfahrung.
Interpretationshilfe im Hinterzimmer
Tony Perkins sieht das etwas anders. "Wir sind mit der Idee der Vergebung gut vertraut", sagt der Präsident des Family Research Councils (FRC), der größten christlich-konservativen US-Lobbygruppe, zwar. Doch die jüngsten Vorwürfe gegen Gingrich: "Das wird schwierig."
Perkins steht zwischen den Podien. Er ist offiziell mit keinem Kandidaten liiert. Doch seine Präferenz ist kein Geheimnis: Er liebt Santorum. Und die Kameras lieben sein Profil.
Selbst prominenteste Reporter sind sich nicht zu schade für diese Farce. Auch an diesem Abend hechtet die Crème-de-la-crème der US-Journaille durch den "Spin Room". CNN überträgt sogar live aus dem Hinterzimmer.
Da ist John Heilemann ("New York Magazine"), der den Bestseller "Game Change" über den Wahlkampf 2008 geschrieben hat. Die Verfilmung, mit Woody Harrelson und Julianne Moore in den Hauptrollen, soll im März in die Kinos kommen.
Drüben huscht die filigrane CNN-Reporterin Dana Bush durch die Tür. Sie ist mit John King verheiratet, der diese Debatte moderiert hat.
Und dort, unverkennbar, steht Joe Klein, der legendäre "Time"-Kolumnist. Von ihm stammt der Schlüsselroman "Mit aller Macht" über Bill Clintons Wahlkampf 1992, der ebenfalls (mit John Tavolta) verfilmt wurde. Der kleine Klein trägt einen langen, beigen Trenchcoat, als befinde er selbst sich in einem Agentenfilm.
Gingrich hat die meisten Fürsprecher - Romney die besten
Anzahl und Kaliber der jeweiligen prominenten Fürsprecher im "Spin Room" sagen viel darüber aus, wie gut ein Kandidaten vernetzt ist. Romney etwa fährt John Sununu auf, den Ex-Stabschef im Weißen Haus - und Nikki Haley, die Gouverneurin von South Carolina, das ist kaum zu toppen.
Dafür mobilisiert Gingrich die meisten Fürsprecher, Bud McFarlane zum Beispiel, Sicherheitsberater unter Ronald Reagan. Auch der beendete seine Polit-Karriere unehrenhaft: Für seine Verwicklung in die Iran-Contra-Affäre bekam er 1988 zwei Jahre Haft auf Bewährung. Heute ist er, was sonst, Lobbyist.
Nur einer meldet sich an diesem Abend sichtlich ungern zu Wort: Gingrichs Pressesprecher R. C. Hammond. Auf die schillernde Vergangenheit seines Chefs angesprochen, murrt er nur: "Ich gebe keine Kommentare ab über etwas, das passierte, bevor ich zehn Jahre alt war."
Am Ende spielt das alles keine Rolle. Was die Lobbyisten im Dienste der Kandidaten im "Spin Room" verbreiten, ist diesmal schnell vergessen. Denn allein die ersten fünf Minuten der Debatte waren so fulminant, dass sie alle Schlagzeilen des nächsten Morgens beherrschen. Da braucht kein Reporter Hilfe bei der Interpretation.
J. C. Watts wäre doch besser zum Fernsehen zu Hause geblieben.
Quelle: Spiegel.de
Co-Writer: S-h-a-p-i
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